Über mich
Im Januar 2023 bemerkte ich, dass es zu wenig Informationen für Queers über die Thermen in meiner/ihrer Umgebung gibt:
-> Wo kann ich hingehen, ohne dass ich mich in eine bestimmte Badebekleidung zwängen muss? <-
-> Muss ich mich in Therme XY für eine bestimmte Dusche entscheiden? <-
-> Werde ich dort gezwungen, mich bei einem bestimmten Geschlecht umzuziehen? <-
-> Wird der Weg schon durch zwei Bereiche geleitet? <-
Viel zu oft eröffneten sich viele dieser Fragen und ich hätte gerne vor meinem Besuch Antworten darauf gehabt.
Mut zur Heilung
Auch queere Menschen sollen sich in ihrer Haut und ihrer Nacktheit wohlfühlen können. Es wird Zeit, dass wir die sturen männlich/weiblich Regeln abstreifen und uns als ganzheitliche Wesen begreifen, die mehr Gemeinsamkeiten haben als Unterschiede. Dafür sind Wasser und Wärme heilsame Elemente – alle Wesen sollten dazu Zugang haben. Echte Körper ohne Photoshop und Filter zu sehen, ermöglicht es uns, uns wirklich wahrzunehmen, ohne uns zu beschönigen und zu verstecken. Mir hat es geholfen, echte Menschen in all ihren Facetten zu sehen, um mich befreit zu fühlen. Überall sind unterschiedliche Körperformen, Hautzustände, Falten, Körperhaare, Schweiß, Rötungen, Pickel und Entzündungen – alles ist natürlich und darf da sein.
Ich möchte diese Räume von Verletzlichkeit erkunden und Präsenz zeigen. Es braucht mehr trans Menschen, die sich wohl genug fühlen, sichtbar zu sein. Doch dafür benötigt es den richtigen Ort. Also besuche ich nun in meiner Freizeit eine Therme nach der anderen und schildere, wie sich der Aufenthalt für mich angefühlt hat. Für den Anfang starte ich im Postleitzahlbereich 76XXX und arbeite mich weiter nach außen.
Hin und wieder werden Thermen außerhalb hinzukommen, wenn ich kleinere Reisen unternehme. Ich freue mich sehr auf das Deutschlandticket, dann kann ich leichter vorgeschlagene Thermen besuchen!
Etwas mehr zu mir
Ich wurde in Sachsen geboren, also war Nacktheit das Natürlichste für mich. Wir waren alle zusammen nackt im Planschbecken und niemanden hat das gestört. Die Scham wurde erst viel später anerzogen, als es auf einmal nicht mehr okay war, sich vor anderen umzuziehen.
Hallenbäder waren mein Lieblingsort in den Ferien und es gibt mir noch heute ein wohliges Gefühl, daran zu denken. Die Rutschen hoch und runter, am liebsten den ganzen Tag. Viele Wochenenden verbrachte ich auch an der Ostsee, weswegen das Meer in meinem Herzen einen großen Platz hat. Es zieht mich immer wieder dorthin.
Im Teenageralter und als junger Erwachsener war ich jedoch von Dysphorie geplagt. Das Trans-Sein brachte Unbehagen mit dem eigenen Körper mit sich. Als AFAB (female assigned at birth) störte mich die Brust und ich begann nur noch mit einem Packer in der Unterhose zu schlafen. So traute ich mich auch nicht mehr in Schwimmbäder. Es war ein langer Prozess, mich von Dysphorie und Erwartungen an mein Aussehen zu trennen. Für mich war das Nicht-Binär-Sein im Endeffekt die Antwort, um mit den komplexen Gefühlen umgehen zu können. Es erlaubte mir, frei zu sein. Erst 2015, im Alter von 26 Jahren, traute ich mich, die 11 Jahre dauernde Wasser-Abstinenz zu beenden. Was für eine Wohltat!
Heute gehe ich mindestens alle zwei Monate in eine Therme. Dabei liebe ich besonders große FKK-Bereiche, Saunieren mit Aroma und textilfreies Baden. Nacktheit ist das Ursprünglichste, das wir Menschen besitzen. Scham ist anerzogen.
Im Moment bin ich 35 Jahre alt, selbstständig und verheiratet. Mein Leben gestalte ich poly und pansexuell. Ich lebe zusammen mit drei Katzen und meinem Mann. Über die Badewanne in unserer Wohnung bin ich sehr froh – ohne wäre ich sicher wesentlich unentspannter 😉
In meinem Alltag sitze ich in einem kleinen Elfenbeinturm: nur wenn ich das Haus verlasse, wird mir bewusst, dass Queerness und Nicht-Binarität leider nicht die buchstäbliche Mitte der Gesellschaft sind. Da ich das ändern möchte, gehe ich oft in Konflikt mit meiner Umgebung und versuche das auszuleben, was mich glücklich macht. Mich dabei mit den Erwartungen der Gesellschaft auseinanderzusetzen, ist 2024 mein Forschungsraum.
Ich hoffe sehr, dass in Zukunft mehr Bäder allen Menschen Freiraum bieten und sich die Landschaft verändert. Also schau dir mit mir die Thermen Baden-Württembergs (und Deutschlands) an, lass uns ein bisschen über die Geschlechtszwänge ablästern, seufzen und hoffentlich entspannen!
Liebe Grüße
Kai
