Erlebnisse zwischen Kindern & Tätowierten
Bei unserem Wochenendtrip in die alte Heimat haben wir uns ein paar Stunden in der Sachsen-Therme gegönnt. Das Erlebnisbad befindet sich im Norden von Leipzig und ist sowohl mit dem Auto als auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen. Dieses Mal haben wir das Auto vorgezogen und konnten bequem kostenlos vor der Einrichtung parken. Für einen Freitagnachmittag Anfang Mai war die Therme entsprechend gut gefüllt mit allerlei Kindern, Familien, Mittelalterlichen und Rentner:innen. Die Eintrittspreise waren etwas teuer für den Mix aus Spaßbad, Schwimm- und Saunalandschaft, der geboten wird. Wir entschieden uns für 5 Stunden zu bleiben.
Es sei vorausgeschickt, dass dies nicht mein erster Besuch in diesem Freizeitbad ist. Ich bin Sachse und dementsprechend als Kind sehr oft in der Sachsen-Therme gewesen. Also schreibe ich meine Ausführungen mit der gewissen Nostalgie-Brille eines Kindes, das hier sehr viel Spaß hatte. Trotzdem bin ich mit gemischten Gefühlen zurückgekehrt, denn der Osten ist nicht umsonst als sehr queerfeindlich verschrien. Gewappnet, um möglichen Abneigungen zu begegnen, machten wir uns ins Innere auf.
Sachsen-Therme
Schongauerstraße 19
04329 Leipzig
www.sachsen-therme.de
Bitte achte beim Lesen darauf, dass ich hier mein persönliches Erlebnis als schlanke, weiße, able-bodied, nicht-binäre, maskulin/androgyn wirkende Person mit flacher Brust und Vulva schildere. Es handelt sich um meine Empfindungen, die von deinen abweichen können/werden. Auch ist das Erlebnis absolut vom Wochentag, der Tageszeit und den anwesenden Personen abhängig. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte mein Erlebnis vollkommen anders ausfallen können. Ich möchte hier meinen Eindruck vermitteln und eine Möglichkeit des Erlebens darlegen. Take it with a grain of salt.
Ein Palast aus Glas, Fliesen und Wasser
Beim Betreten der Therme gelangen wir in einen großzügigen Eingangsbereich, der sogleich den Blick in die Anlage ermöglicht. Die Nostalgie kickte sofort ein: “Oh, die große Kuppel!” Ich freute mich sofort hineinzugehen. Und siehe da: die erste queere Person, die anscheinend Mitglied im Thermen-Team war. Ein schöner Augenblick gleich zu Beginn.
An der Kasse wurden uns schwarze Chips ausgehändigt, die später in recht klobige Armbänder gesteckt wurden. Diese sind sehr kratzig und ich hatte erst Probleme, sensorisch mit dem Armband klarzukommen. Erst bei nasser Haut war es nicht mehr zu spüren.
Wir stapften voraus in den gemischten Umkleidebereich. Hier finden sich sehr breite Gänge mit Schränken und Bänken zum Hinsetzen bzw. Abstellen mitgebrachter Gegenstände. Seitlich gibt es auch Kabinen zum blickgeschützten Umziehen. Nacktheitsfreudig wie wir sind, haben wir uns natürlich offen umgezogen und dabei kein Aufsehen erregt.
Zuerst wollte ich in den Spaßbereich, mit seinem großen Hauptbecken, Außenbereich und Wellenbad, also hieß es in den Bikini steigen. Leider mussten wir nun in geschlechtsgetrennte Duschen, um uns badefein zu machen. Im Wasser angekommen bemerkte ich, dass ich vergessen hatte, mich richtig zu rasieren. Mein Bauch war also behaart und in meinem Schritt befand sich ein asymmetrisch am Vortag schnell weg getrimmtes, umgekehrtes Hitlerbärtchen. Nun ja, war nicht mehr zu ändern. Also ließ ich dem keine weitere Aufmerksamkeit zukommen. Ich bin ja sowieso androgyn verwirrend, dann interessieren ein paar Haare mehr auch nicht 😉
Überall waren Kinder. Normalerweise nervt mich sowas sehr schnell. Heute war das aber anders – ich stellte meine Antennen um auf Genießen. So planschten wir eine Runde durch den Hauptraum, genossen einige Kreise im Strudel, aus denen ich nur unter Krafteinsatz wieder herauskam und spielten im Wellenbecken. Bei mir kam richtiges Ostsee-Feeling auf bei dem heftigen Wellengang. Doch was ich wirklich unbedingt tun wollte, war Rutschen. Die Sachsen-Therme verfügt über zwei lange Rutschen, zu denen man über eine rutschsichere Treppe gelangt. Zwischen einigen hektischen Kindern oben angekommen, konnte ich es nicht mehr erwarten und bretterte mit Höchstgeschwindigkeit die Rutschbahn herunter. Dieses Gefühl ist einfach unbeschreiblich cool. Also musste ich den Turm gleich noch ein zweites und drittes Mal erklimmen.
Nun befand sich vor mir ein Kind, das mich sehr verwundert anstarrte. Und ich meine das Starren von Neugier und Verblüfftheit. Da es mit zwei Gleichaltrigen unterwegs war, traute es sich aber nicht, etwas zu fragen. Die Anderen beachteten mich nicht.
Um vom Adrenalin wieder runterzukommen, stiegen wir in einen Whirlpool. Dort beschlossen wir als nächstes in den Saunapark zu gehen und nach der ersten Sauna eine Kleinigkeit zu essen.
Die andere Welt hinter den Saunatoren
Als Kind habe ich den Saunabereich nie zu sehen bekommen. Umso gespannter war ich nun darauf, was mich hier erwarten möge. Es gab die Möglichkeit dort die Badebekleidung auszuziehen und in Gemeinschaftsduschen den Saunagang anzutreten. Dabei gab es einen Kaltduschenbereich und einen erweiterten Bereich mit Wärmeregelung. Beim Eintritt hat mich der Blick auf die drei Whirlpools und im Kreis darum verteilt sitzenden Personen erstmal verschreckt. Für meine Wahrnehmung ist dieser “Präsentierteller” nicht sonderlich angenehm. Ich brauchte einige Zeit zur Orientierung.
Im Vergleich zum Spaßbad waren hier alle recht ungeniert nackt und der westliche Drang des Handtuchs-binnen-Sekunden-um-die-Hüften-Schlingens war nicht gegeben. Es gab unglaublich viele Liegen und Stühle überall, was ich als sehr positiv barrierefrei empfand. Wenn es auch sehr plump und unaufgeräumt wirkte, wenn man Thermenlandschaften wie Claudius (Köln) und die Badewelt Sinsheim kennt. Ich freute mich über die vielen tätowierten Menschen, denn sie machten den Großteil des jüngeren Sauna-Volks aus. Auch gab es einige von mir als männlich wahrgenommene Personen, die lange Haare trugen. Die Sauna-Etikette würde ich als eingehalten betrachten, da ich niemanden wahrgenommen habe, der sich unangenehm verhalten hat.
Unsere erste Sauna war mit Eukalyptus-Duft versehen und wohltemperiert. Duftsaunas sind mein Favorit, so sehe ich auch über das wilde Klackern der Lüftung hinweg. Nun wollte ich das Außenbecken sehen und etwas Nacktschwimmen genießen. Draußen fiel mir aber schnell auf, dass eine Dampfschwade durch die Gegend zog. Es gab große Raucherbereiche, was mich sehr abgestoßen hat. Diese waren auch im Hauptteil vorhanden, wo Kinder unterwegs sind. Ich kann das nicht befürworten und würde mir wünschen, dass solche Ecken verkleinert und weit weg von den Becken gelagert werden. Allerdings verriet die Menge an Kippenstummeln dann doch, dass es viele Raucher:innen geben musste.
Frisch geduscht und in unsere Bademäntel gehüllt, statteten wir der Bar einen Besuch ab. Die Snacks und Getränke konnten sich preislich wirklich sehen lassen. Wir verspeisten einen sehr leckeren Burger und tranken hervorragendes Wasser. Es lohnt sich also auch für den kleinen Geldbeutel, einen Abstecher in das Restaurant zu machen.
Nun auf zu den Ruheräumen! Darunter gab es einen Kaminraum. Es war sehr entspannend, dort eine Stunde zu verbringen, wenn auch der Ton des Fernsehers mit seinem unangenehmen Fake-Kaminholz-Geknack für mich schwer zu bewältigen war. Ich empfehle auch hier Ohrstöpsel, wie in Waldbronn. Die Liegen und Atmosphäre konnten das aber allemal wegmachen. Hier seid ihr auch eher ungestört, da das “übliche Sauna-Volk” scheinbar lieber in der Gruppe draußen bei den Whirlpools oder im Garten herum hängt. Hier entdeckte ich auch eine zweite offen queere Person und freute mich sehr.
Letzte Runde
Um wieder klar zu werden blubberten wir als Nächstes im Whirlpool herum und dampften eine Runde in dem fantastischen Dampfbad. Es gibt dort auch Salzpackungen zu kaufen oder man nutzt die mehrfach täglich angebotenen Salz-Peeling-Zeiten. Um den anschließenden Durst zu besänftigen, setzten wir uns erneut in die Bar. Leider gab es nämlich keine öffentlichen Wasserspender, also nehmt euch hier auch eine Wasserflasche mit.
Wir nahmen den großen Außenbereich nochmal unter die Lupe. Er bietet wirklich schöne Plätzchen für Sonnenfreund:innen und einen kleinen Naturteich. Insgesamt ist es wirklich schön gestaltet und bietet viel Platz, um der Nacktheit zu frönen. Wenn auch ich die Anzahl der Saunen zu wenig finde für die Anzahl an Menschen, die sich maximal in der Therme aufhalten können. So standen wie die Lemminge locker 30 Personen vor der Sauna parat, wo als nächstes ein Aufguss stattfinden sollte. Ich kann den Reiz davon absolut nicht nachvollziehen und so nutzten wir die Gelegenheit, die wirklich schöne Bergsauna mit ihrem echten Kaminfeuer allein zu nutzen. Die schönste Sauna des Tages. Absolute Empfehlung.
Zum Abschluss wollte ich unbedingt nochmal rutschen. Also schnell in den Bikini gesprungen. Ich war sehr glücklich und ausgeglichen, als ich komplett allein den Rutschenturm erklomm und nochmal voller Freude die Bahnen herunter jagte. Das sagt mir, dass ich definitiv mehr Spaßbäder besuchen möchte. Umso besser, wenn diese dann auch Saunabereiche beinhalten.
Geheimtipp
Es hat sich gezeigt, dass ab 18 Uhr wesentlich weniger Kinder anwesend waren. Ab 20 Uhr hatten sich die Reihen vollkommen gelichtet. Wollt ihr die Rutschen ungeniert genießen oder ungestört schwimmen, dann sind diese Uhrzeiten bestens geeignet.
Meine Begleitung fand ich in der Umkleide zwischen einigen Personen mit Glatze vor, durch die ich mit meiner elfengleichen Statur hindurchschlüpfte. Ganz ungeniert begann ich, mich auszuziehen, noch beseelt von der Rutschpartie und bereit, allem offen zu begegnen. Also waren es eher die angesprochenen Personen mit Glatze, die sich schnell und höflich aus dem Staub machten.
Wir verließen die Therme gegen 21 Uhr. An der Kasse befand sich immer noch die am Anfang angesprochene Person und zeigte uns nun ganz unauffällig die Schuhunterseite, auf der eine Regenbogenflagge strahlte. Ein schöner Abschied.
Die Sachsen-Therme – Ein Paradies für Raucher
Auch für mich ist das nicht der erste Besuch in der Sachsen-Therme, da ich aus Sachsen-Anhalt stamme und hier schon öfter sauniert habe.
Generell hatte ich Probleme mit der Lautstärke und den Kindern, aber das war zu erwarten. Der Spaßbad-Bereich ist also nicht meine Welt. Die Therme ist etwas in die Jahre gekommen und wirkt vor allem im Außenbereich etwas heruntergekommen. Hier stören mich auch die ausgedehnten Raucherbereiche, deren Rauchschwaden sich leider überall verbreiten. Das hat mir die Entspannung erschwert. Trotzdem sind die Saunen wirklich schön gestaltet. Die Tageskarte finde ich jedoch wesentlich zu teuer und sie rentiert sich nur durch den Besuch des wirklich günstigen Restaurants. Kein Vergleich zu westdeutschen Preisen!
Als Mann habe ich mich hier wohl gefühlt und es gab auch nur eine Person, bzw. ein Kind, das Kai extrem angestarrt hat. So konnte ich aber meinem liebsten Hobby nachgehen: Leute anstarren, die Kai anstarren. Hier hätte ich mir gewünscht, dass das Kind einfach den Mund aufmacht und fragt.
Ich würde diese Therme für alle Altersgruppen empfehlen, kann aber nicht sagen, dass das queere Personen uneingeschränkt einschließt. Das wird an meinen Erfahrungen mit Ossis liegen und ich würde meinen Partner hier nicht guten Gewissens alleine lassen.
Schlussgedanken
Man merkt der Therme ihr Alter an, weswegen ich den Entspannungsfaktor leider nicht sehr hoch setzen kann. Gerade geräuschsensible Personen werden mit einigen Saunen und Ruhebereichen nicht glücklich. Auch gibt es keine Wellnessangebote wie Massagen oder Beauty-Treatments. Es scheint aber so, als wäre das früher mal möglich gewesen und nicht genutzt worden (schließe ich aus toten Links auf der Website). Leider waren auch die Sprungtürme gesperrt, weswegen ich diese nicht testen konnte.
Es ist schade, dass geschlechtsgetrennte Duschen leider nur durch den Saunabereich vermieden werden können. Toiletten ohne Trennung gibt es nicht.
Ich hatte jedoch unglaublichen Spaß und habe mich als queere Person sehr wohl gefühlt. Das hat mich wirklich verblüfft. Vielleicht sind gerade Saunagäste auch einfach die offeneren Sachsen oder durch Studierende einfach ein neuer Schwall Menschen hinzugekommen 😉
Fazit: TL/DR
Ja, ich kann die Therme für queere Personen empfehlen. UND: Wenn ihr keine Kinder mögt, geht bis 19 Uhr nur in den Saunabereich. Danach könnt ihr auch ungestört die Rutschen frequentieren.
