Ein günstiger Sommer
Irgendwo zwischen Karlsruhe und Baden-Baden versteckt sich ein Ort namens Gaggenau Bad Rotenfels. An einem Samstagmorgen im Juni 2023 hieß es per Auto der dort liegenden Rotherma einen Besuch abzustatten. Es ist nicht mein erster Besuch in dieser Einrichtung und deshalb kann ich sagen, dass auch die Anreise per Bahn gut funktioniert, wenn auch eine kleine Wanderschaft nötig ist.
Der erste Blick auf die Website verspricht kostenloses Parken, ansprechende Tageskartenpreise und günstige Massagen. Auch die Orientierung auf Gesundheit wird durch die verschiedenen Angebote und Areale deutlich. Es springt sofort die Werbung “4 Stunden bezahlen, den ganzen Tag bleiben” ins Auge. Bis Ende September wirbt der Saunapark mit einem reduzierten unbegrenzten Aufenthalt. Ob sich das für queere Personen lohnt? Ich schaue es mal genauer an.
Rotherma
Badstraße 9
76571 Gaggenau (Bad Rotenfels)
rotherma.de
Bitte achte beim Lesen darauf, dass ich hier mein persönliches Erlebnis als schlanke, weiße, able-bodied, nicht-binäre, maskulin/androgyn wirkende Person mit flacher Brust und Vulva schildere. Es handelt sich um meine Empfindungen, die von deinen abweichen können/werden. Auch ist das Erlebnis absolut vom Wochentag, der Tageszeit und den anwesenden Personen abhängig. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte mein Erlebnis vollkommen anders ausfallen können. Ich möchte hier meinen Eindruck vermitteln und eine Möglichkeit des Erlebens darlegen. Take it with a grain of salt.
Salz, Wasser, Sauna
Vergraben zwischen ganz viel Grün wirkt die Rotherma wahnsinnig idyllisch. Schon vor dem Eintritt fällt der große, vom Wanderweg einsehbare, Außenliegebereich auf. Es gibt somit die Möglichkeit, bekleidet ein Sonnenbad zu nehmen, auch ohne Saunapark-Eintritt. Gehen wir mal hinein. Freundlich begrüßt geht es mit recht modernen und sensorisch wohltuenden Armbändchen durch Drehkreuze in den bekleideten Bereich.
Der obenliegende Umkleidebereich ist geschlechtsneutral und durch viele kleine Kapseln sehr organisch gestaltet. Die hier auffindbaren Duschen sind ebenfalls unisex. Wie schön! Hier gibt es nur Unterschiede bei den Toiletten.
Wir starten diesen Besuch mit einem Ausflug in die Salzwelt. Hierzu müssen wir bekleidet und komplett trocken sein. Zeit in den Badeanzug zu springen und hoch die Treppenstufen. Diesen Ort hatte ich bisher nicht erkundet, so war ich einigermaßen neugierig. Wände aus Salz, Lichtspiele und Musik klangen nach einem angenehmen Spektakel.
Halten wir es kurz: Leider war es dann doch langweiliger als gedacht und auch die angesagte positive Wirkung auf das Asthma meines Partners blieb aus. Wie der versprochene Tag am Meer war es nicht — schade eigentlich.
Also wieder nach unten und den Thermenbereich erkunden. Einige Innenbecken und ein Außenbecken laden zum Planschen ein, jedoch liegt der Fokus hier nicht auf Unterhaltung und Spaß. Viele Elemente wie das integrierte Gesundheitsstudio mit Physiotherapie und Wassergymnastik sind perfekt für Gesundheit und Reha. Für mich ist der Aufenthalt im bekleideten Bereich deshalb nicht sonderlich interessant. Auch, weil ich hier ausgesprochen schnell Blicke auf mich ziehe und mehr im Mittelpunkt stehe, als ich es möchte. Die Menschen kleben an den Beckenrändern und vertreiben sich die Zeit mit dem Sezieren der Umgebung.
Das Publikum unterscheidet sich in der Mentalität sehr vom Saunabereich. Ich würde also vorschlagen, direkt bis nach hinten durch in den Saunabereich zu gehen, schon alleine wegen der Rückzugsmöglichkeiten, die ich als neurodiverser Mensch wirklich schätze. Die simplen Wasserbecken rechtfertigen es im Endeffekt nicht, sich in Badebekleidung zwängen und anstarren lassen zu müssen.
Gleichbehandelt
Also lieber rüber in den Saunapark. Durch eine Treppe gelangen wir in den zweiten Umkleidebereich. Hier gibt es ebenfalls keine geschlechtsgetrennten Leitsysteme, Umkleiden oder Duschen, was mich ausgesprochen freut. Für mich heißt es raus aus dem nervigen Bikini und rein in den bequemen Bademantel. Wie erquicklich diese simplen Duschen sind — einfache Kabinen nebeneinander, einige mit Tür, andere ohne Sichtschutz. So stelle ich mir eine behagliche Atmosphäre vor und fühle mich sehr wohl damit.
Geheimtipp
Direkt neben den Duschen befindet sich eine leicht übersehbare kleine Sauna: das Sanarium. Mein absoluter Lieblingsort. Mit angenehmen 60°C startet es sich gut in einen Wellnesstag. Duft und Musik machen den Aufenthalt beruhigend. Noch wichtiger ist auch, dass es durch die Lage und Größe des Raumes oft möglich ist, dort komplett allein zu sein.
Durch den gläsernen Tunnel gelangen wir zum Hauptgebäude mit Whirlpool, Restaurant, zwei weiteren Saunen und Entspannungsbereichen. Die Preise im Bistro der Rotherma sind absolut angemessen und gerade die Salate kann ich weiterempfehlen. Sensorisch ist dieses Gebäude etwas anstrengend, da der Raum recht groß und voll von ungeordnet stehenden Stühlen ist. Ich versuche mich hier immer auf meine Begleitperson oder den Raum nah um mich herum zu fixieren, dann geht es.
Durch eine Seitentür gelangen wir in den riesigen Außenbereich. Dieser bietet den badischen Sonnenanbeter:innen großen Raum für ihr Hobby. Hier ist Nacktheit völlig normal und verhüllte Personen eher die Ausnahme. Super ansprechend und unaufdringlich, muss ich sagen. Weiterhin fühle ich mich in der Therme gut aufgehoben, da das Publikum fast ausschließlich aus Personen im Rentenalter besteht. Auch das ein oder andere bekannte Swingerpaar lässt sich hier antreffen — also alles äußerst freundliche und höfliche Menschen. Hier herrscht ein sehr angenehmes Flair, in dem die Saunaetikette respektiert wird.
Felsen und Ruhe
Im zweiten Gebäude befinden sich weitere Saunen und Ruhebereiche. Gerade der Felsenruheraum ist mein Favorit. Recht klein, relativ still und wenig besucht — perfekt zum Rückzug. In der Felsensauna finden auch besondere Duft-Aufgüsse statt, die Aufguss-Fans gerne nutzen. Diese Aufgüsse lassen sich aber auch einfach umgehen, da es zwei große digitale Aufgusspläne und viele gut lesbare Uhren gibt 😉 So sind wir bei unseren Saunagängen fast immer allein.
Ganz hinten befindet sich die Parksauna, welche einen sehr schönen Blick auf den Außenbereich freigibt. Passt hier aber auf eure Fußsohlen auf — die Fliesen werden ungeheuer heiß. Es wäre schöner, wenn diese Sauna weniger heiß wäre, damit ein längeres Verweilen mit einem tollen Ausblick möglich ist.
Ein besonderes Event war das Salz-Peeling im Dampfbad. Zusammen mit einer Gruppe von Personen warteten wir im trüben Dampf auf das Saunapersonal, das jedem eine Hand voll Salz ausschippte. Anschließend wurde sich gegenseitig mit Salz eingerieben. Es gab keine komischen Blicke oder ähnliches — Menschen durften Menschen sein — einfach schön. Aber Vorsicht: Salz britzelt und brennt in jeder noch so kleinen Wunde. Danach ist die Haut allerdings sowas von weich und geschmeidig! Leider ist das Einsalzen nur während dieser Zeit erlaubt. Ihr könnt das also nicht alleine durchführen.
Auch in diesem Gebäude und im Außenbereich sind komplett geschlechtsneutrale Duschen, die nach dem Dampfbad einfach schön sind. Nur die Toiletten haben hier eine Trennung. Ich glaube fest daran, dass auch dieser Unsinn irgendwann ein Ende haben wird. Vielleicht braucht es dann auch den Mittwoch als “Damensauna-Tag” nicht mehr.
Was mir im Saunabereich wirklich fehlt, ist ein weiteres warmes Becken zur Entspannung. Gerade im Winter ist selbst der Whirlpool nicht warm genug, um lange zu verweilen. Das große Außenbecken ist kühl und nur zum Schwimmen geeignet — wirklich schade! Auch ist das Kaltbecken im Hauptgebäude nicht eisig genug, um nach der Sauna erstmal richtig abgeschreckt zu werden. Vielleicht ließe sich hier eine Tonnen-Installation vornehmen, wie im Liquidrom Berlin. Platz wäre im Außenbereich mehr als genug.
Reine Entspannung — die Rotherma in Gaggenau
Auch für mich war es nicht der erste Besuch in dieser Therme, also konnte ich mir ein umfassendes Bild machen. Ich bin wirklich gerne hier und fühle mich als Mann ausgesprochen wohl. Drei bis vier Stunden lassen sich in den Saunen und Becken sehr entspannt verbringen.
Die Saunalandschaft ist ansprechend gestaltet, ruhig und ich mag besonders den Eisraum, wo man sich nach der Sauna mit frischem Eis einreiben kann. Mir fehlt allerdings ein richtiges Schwimmbecken.
Diese Therme zieht eher ältere Gäste und das ein oder andere Swingerpaar an. Leider ist mir hier noch keine offen queere Person begegnet. Ich würde diese Einrichtung aber auf jeden Fall uneingeschränkt weiterempfehlen.
Schlussgedanken
Diese Therme zählt wirklich zu meinen Lieblingsorten, was ausschließlich am Publikum liegt. Viel ist hier nicht zu unternehmen, aber genau das macht sie perfekt für einen 3 Stunden Ausflug nach der Arbeit. Gerade unter der Woche ist es einen Besuch wert. Den ganzen Tag kann man hier wohl nur als Sonnenanbeter:in verbringen.
Für queere Personen kann ich die Rotherma absolut empfehlen. Bei den Genderfeels würde ich so gerne 5 Sterne vergeben, es scheitert aber an den Toiletten.
Im Saunabereich solltet ihr nicht belästigt und angestarrt werden. Andere queere Personen trefft ihr hier wahrscheinlich nicht an, da die Einrichtung zu weit weg von den Großstädten ist. Aber vielleicht ändert sich das ja noch 🙂 Wenn ich mir einige Postings auf Instagram und Romeo anschaue, scheint dieser Ort auch für gay Männer ein beliebtes Saunaziel zu sein.
In Zukunft möchte ich auf jeden Fall eine der Massagen in Anspruch nehmen, da diese sehr günstig zu haben sind. Fortsetzung folgt…
Fazit: TL/DR
Ja, ich kann die Rotherma absolut empfehlen für queere Personen, die Ruhe und Einfachheit wollen. Es ist einen 3 bis 4 Stunden Ausflug wert.
