Baden-Baden | Caracalla | Römisch Saunieren

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Pecunia non olet – Geld stinkt nicht

Im März 2023 besuchte ich eine Therme in meiner Umgebung, mit der mich eine gewisse Hass-Liebe verbindet: die Caracalla Therme in Baden-Baden. In diesem Blog will ich meinen vierten und besten Ausflug in diesen reich­lich zwiespäl­tigen Luxus­tempel beschreiben. Dieses Mal fiel mein Besuch auf einen sonnigen Freitag­morgen. Baden-Baden an sich ist keine Stadt, in der ich mich wohlfühle. Die City ist voll von übertrie­benem Prunk, jungen Aufstei­gern und hochnä­sigen Gedanken. So fühle ich mich dort als punkiges Zwischen­wesen ausge­spro­chen fehl am Platz. Aber auch der badische Stadt­adel verdient es, meinen kleinen Knackpo einmal zu bestaunen.

Ich hatte den Komfort, mit dem Auto anzureisen und in der Bäder­ga­rage zu parken, was ein kleines Vermögen kostet. Die Anreise per Bus kann ich also eher empfehlen, denn die wenigen kosten­losen Parkplätze der Umgebung werden eher von Anwohner:innen oder Baustel­len­fahr­zeugen belegt. Die gesal­zenen Preise setzen sich auch im Eintritt fort. Hier wird die Zielgruppe der Therme schon im Vorfeld klar: Aristo­kratie. Schließ­lich wird hier römisch sauniert, nicht geduscht 😉 Aber lasst uns mal hinein gehen und genießen. 

Caracalla

Am Römer­platz 1
76530 Baden-Baden
www.carasana.de

Bitte achte beim Lesen darauf, dass ich hier mein persön­li­ches Erlebnis als schlanke, weiße, able-bodied, nicht-binäre, maskulin/androgyn wirkende Person mit flacher Brust und Vulva schil­dere. Es handelt sich um meine Empfin­dungen, die von deinen abwei­chen können/werden. Auch ist das Erlebnis absolut vom Wochentag, der Tages­zeit und den anwesenden Personen abhängig. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte mein Erlebnis vollkommen anders ausfallen können. Ich möchte hier meinen Eindruck vermit­teln und eine Möglich­keit des Erlebens darlegen. Take it with a grain of salt.

Planschen unter der prunk­vollen Kuppel

Aus der bequemen Tiefga­rage hinauf­ge­stiegen, werden wir gleich von dem wohligen Duft aus Thermal­wasser und Chlor begrüßt. Der großflä­chige und ungenutzte Vorraum der Therme bringt uns mit einer langen Treppe nach oben zur Kasse. Wir erhalten identi­sche Bändchen ohne eine bestimme Zuord­nung. Nun mal nichts wie rein! Da ich diese Therme schon einige Male besucht habe, war ich vorge­warnt, nicht an einem Wochen­ende oder ab Mittag hier aufzu­schlagen. So versuchte ich mich mal mit Freitag ab 10 Uhr. Siehe da: es war wesent­lich leerer.

In der Caracalla werden wir durch kleine abschließ­bare Umzieh­be­reiche hindurch geschleust zu den Spinden. Also keine Geschlech­ter­tren­nung – super! Auch muss ich mich nicht unbedingt in den engen Kabinen umziehen und kann auch direkt durch­gehen. Jedoch ist der Bereich bei den Garde­ro­ben­schränken so gequetscht, dass sich dort zu entkleiden auch nicht ganz so angenehm ist ohne Ablagen. Hier ging es wohl eher um Platz­sparen als Komfort.

Thermen-Sternchen | Baden-Baden | Caracalla
03/2023 – Vor dem Besuch der Caracalla: Es wird sonnig heute!

Von dort aus gelangen wir in den großen Kuppel­saal, dabei sind wir gezwungen Badebe­klei­dung zu tragen und uns vor dem Betreten des Wassers in geschlech­ter­ge­trennten Duschen zu benetzen. Ein kleiner Downer gleich zu Beginn.

Der Saal ist aber wirklich schön, das muss ich ihm lassen. Die Gestal­tung ist sehr liebe­voll umgesetzt mit Statuen, hochwer­tigen Fliesen und dem aufwän­digen Decken­ge­mälde. Es lässt sich einige Zeit gut im Wasser verbringen, auch wenn die Grund­regel der Nicht-Beset­zung von Düsen, Whirl­pools und Wasser­fällen hier auch noch nicht angekommen zu sein scheint. Rechnet also mal nicht unbedingt mit rücksichts­vollen Menschen in dieser Thermen­land­schaft. Der Außen­be­reich ist einen kleinen Besuch wert mit seinen Thermal­be­cken und der hübschen Bepflan­zung. Auch kann ich das frei nutzbare Aroma­dampfbad und den Sole-Raum sehr empfehlen. In einer Ecke sind kleine Erholungs­orte in Form von Grotten in warm und kalt. Der Wasser­fall darin ist schon etwas beson­deres.

Im großen Bereich gibt es auch die Möglich­keit, sich in zwei Entspan­nungs­be­reiche zurück­zu­ziehen. Die weichen, wasser­ab­wei­senden Sofas für Paare sind super angenehm. Hier lohnt es sich, eine Pause zu machen. Aber ihr kennt mich: Das Angebot bisher macht mich nicht wirklich glück­lich. Ich bin ja gezwungen Kleidung zu tragen – pfui 😉 Aber jetzt dürft ihr aufatmen: Für einen Aufpreis gibt es im oberen Bereich der Therme eine römische Badeland­schaft, die es in sich hat.

Geschlech­ter­freie Klos – es gibt sie doch!

Ein großer FKK-Bereich erwartet uns, wenn wir die schlanke Wendel­treppe nach oben steigen. Mit mehreren indoor und outdoor Saunen, einem kleinen Whirl­pool und den üblichen Sauna­park-Annehm­lich­keiten kann man sich hier wohlfühlen. Leider wurden die Wasser­spender abgeschafft, also nehmt euch lieber eine Flasche Wasser mit. In Sachen Entspan­nung auf einer Liege kann ich hier nur den Außen­be­reich empfehlen, da der Innen­be­reich zu klein und wuselig ist, um wirklich einzu­schlafen. Draußen könnt ihr zwar beim Nackt­liegen vom umlie­genden Kranken­haus aus beobachtet werden, aber hey, dort ist der Psycho­so­matik-Teil, gönnt den Patient:innen doch auch mal was 😉 

Durch die gut gewählte Uhrzeit war der obere Bereich sehr leer und das Klientel wirklich gut. Die Sauna-Etikette wurde einge­halten und ich hatte so mega entspan­nende Sauna­gänge. Der Sweet-Spot der Therme scheint also wirklich bis 12 Uhr unter der Woche zu sein. An anderen Tagen hatte ich schon Schwärme von Tourist:innen, die sich gackernd und handtuchlos daneben benommen haben. Ich bin froh, bei meinem vierten Besuch nun endlich etwas Gutes erlebt zu haben. 

Die Saunen im Außen­be­reich kann ich beson­ders empfehlen, da sie in ihrem Block­hütten-Look eine angenehme Atmosphäre hinter­lassen. Nach einem Sauna­gang im Garten zwischen heimi­schen Pflanzen zu entspannen ist etwas ganz beson­deres – erst recht im Winter.

Bei diesem Ausflug habe ich keine Massage in Anspruch genommen. Das packe ich auf die Liste für nächstes Mal. Das Angebot sieht aber auf den ersten Blick großartig aus. Deswegen beziehe ich mich bei Spezi­al­an­ge­bote vor allem auf die Zusatz­räume und ‑ausstat­tungen. Das Essen im Lounge­be­reich ist ebenfalls hochpreisig, weswegen ich zu einem Vesper­brot rate. Aber es war köstlich.

Queer Feelings

Nun wird es Zeit euch von meinem besten Gefühl überhaupt zu berichten: Oben sind sowohl Toiletten als auch Duschen unisex. JA! Was für ein tolles Erlebnis: einfach Mensch sein dürfen! Ich fühle mich im oberen Bereich also einfach wohl und kann nur empfehlen, die Badeland­schaft links liegen zu lassen. Wenn ihr aber gerne im Wasser verweilt, habt ihr hier nur einen kleinen Whirl­pool, um nackt planschen zu können. Aber immerhin besser als nichts.

Ich kann nur mehr Thermen dazu anregen, endlich größere textil­freie Bereiche anzustreben und Menschen das Nackt­sein zu ermög­li­chen. Wir brauchen diese Rückfüh­rung zur Realität von Körpern wirklich.

Schluss­ge­danken

In diesem Raum frei von Geschlecht konnte ich mich sehr gut entspannen. Die Saunen sind passend ausge­stattet, also konnte ich meine drei Stunden genießen, inklu­sive schönem Fußbad. Für mich war es dank der Uhrzeit und dem geringen Perso­nen­fluss aus Menschen im Renten­alter endlich mal ein angenehmer Besuch. Queere Menschen trefft ihr hier eher nicht an.

Thermen-Sternchen | Baden-Baden | Caracalla davor
03/2023 – Nach dem Besuch in der Caracalla: Blendend!

Aber ich freue mich jedes Mal darüber, dass die nahelie­gende Klinik viele Menschen mit diversen Körpern, Narben und Tattoos in die Therme schwemmt. Auch wurde ich ausschließ­lich im beklei­deten Bereich angestarrt. Im Nackt­be­reich war alles fein und ich habe meine Zeit sehr genossen. Ich kann diesen Ort nun endlich empfehlen. Meine Hass-Liebe bleibt, da ab 13 Uhr die Therme gestürmt wird und entspre­chend kein angenehmer Aufent­halt mehr möglich ist. Also passt gut mit der Zeit auf. Eine Tages­karte kann ich absolut nicht empfehlen.

Fazit: TL/DR

Ja, ich kann die Caracalla empfehlen. Aber ausschließ­lich für Personen mit großem Geldbeutel, die den oberen Bereich nur vormit­tags unter der Woche nutzen. Keine Therme für Sonn- und Feier­tage. ABER oben könnt ihr so richtig geschlech­ter­frei sein!

Bewer­tung

Gender­feels
Bewertet mit 4 von 5
Ambiente
Bewertet mit 3 von 5
Publikum
Bewertet mit 2 von 5
Preis / Leistung
Bewertet mit 1 von 5
Entspan­nung
Bewertet mit 4 von 5
Spezi­al­an­ge­bote
Bewertet mit 4 von 5
Gesamt­ergebnis
Bewertet mit 3.4 von 5